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  • marianneweibel

Eine Frage der Perspektive. Kommt es mir spanisch oder vertraut vor?


Ausschlaggebend ist, aus welchem Blickwinkel man die Welt betrachtet. Was bei mir bis vor Kurzem noch spanisch vorgekommen ist, betrachte ich heute als normal. Denn andere Erfahrungen eröffnen neue Perspektiven. Der Weg dazu ist nervig, aber lehrreich. Eine etwas andere Geschichte.

 

«Wie lange dauert der Versand eines Sperrguts von der Schweiz nach Spanien», frage ich am Postschalter in der Sihlpost die Kundenberaterin. «Zehn bis vierzehn Tage», meint sie und empfiehlt mir, fünf Arbeitstage dazuzurechnen, da die Uhr in Spanien etwas anders ticke. Entsprechend termingerecht verschicke ich meinen Grill nach Barcelona.

 

Auf der Website der Post verfolge ich das Paket. Schon zwei Tage später ist es in Spanien. «Toll, schon bald kann ich meine Freunde zu einem Grillabend einladen». Kaum in Barcelona angekommen, nehme ich einen eingeschriebenen Brief entgegen. «Super! Timing passt». Auf der Plattform des spanischen Postzolls (correos aduanas) einfach die angeforderten Dokumente hochladen. «Easy und fertig ist das Ganze». Die Vorfreude steigt. Immer und immer wieder verfolge ich auf der Trackingseite der spanischen Post meine Sendung. Stillstand. Wochen vergehen und es passiert nichts.


Da anscheinend das Paket nach einem Monat zurück zum Empfänger geht, telefoniere ich mich vor Ablauf dieser Frist durch die diversen Postämter der Schweiz und Spaniens. «Haben Sie das Mail vom 23.11. nicht gesehen», fragt die Auskunftsperson der spanischen Post. Überall gesucht, auch im Spam und nichts gefunden. Meine Frage, das E-Mail nochmals zu verschicken, verneint er aus Datenschutzgründen. Und Vorlesen darf er es auch nicht. Ich durchforste die nicht sehr bedienerfreundliche Plattform der correos aduanas. Irgendwie lande ich auf einer Unterseite, wo ich Dokumente finde. Unter anderem das erwähnte Mail. «Aha, so funktioniert die spanische Behörde!» Die Korrespondenz auf der Plattform wird nicht wie in der Schweiz üblich per E-Mail angekündigt. «Kein Problem. Dann schaue ich einfach jeden Tag rein».

 

Es scheint, dass ich einfach dieses Formular ausfüllen muss. Nicht ganz einfach, wenn ich keinen zweiten Nachnamen und keine spanische Telefonnummer habe. Auch verstehe ich trotz Online-Übersetzung nicht alles. «Andere Logik», denke ich. Ich fülle das Formular nach bestem Wissen und Gewissen aus. Wieder passiert lange nichts. «Wie kann ich die sonst noch kontaktieren?» Auf dem Formular finde ich eine E-Mail-Adresse. «Keine Ahnung, ob die zu meinem Anliegen passt, aber ich habe keine Alternative». Mein E-Mail mit den Dokumenten wird anscheinend beachtet. Jedenfalls haben sie das Formular richtig ausgefüllt und zur Unterschrift hochgeladen. «Jetzt kommt es gut».

 

Wieder in Barcelona gehe ich zur Hauptpost, um mich zu erkundigen, was ADT heisst, denn dort weilt mein Paket schon über eine Woche. «Können Sie mir weiterhelfen» frage ich die Postbeamtin. «Lo siento. Das Paket ist in Madrid. Beim Zoll. Aber warten Sie doch einfach bis die Feiertage vorüber sind, dann erhalten Sie bestimmt Ihr Paket».

 

Anfangs Jahr hole ich meine Click&Collect-Bestellungen bei der Post ab. Auf meine Bitte zur Unterstützung kommt postwendend die Antwort. «Lo siento». Eines Tages habe ich Glück, meine Bestellungen bei einer kundenorientierten Postbeamtin abzuholen. Sie gibt mir eine E-Mail-Adresse und sagt, sobald die Beschwerdefrist beginne, könne sie mir weiterhelfen.


Auf mein E-Mail erhalte ich am gleichen Tag eine Antwort, mit der Bitte, alle Dokumente zu schicken. Am nächsten Tag erhalte ich die Bestätigung, dass die Dokumente vollständig und bereits beim Zoll sind. «Hoffnung keimt auf. Der abgeschriebene Grill ist in Griffweite». Eine Rechnung bezahle ich postwendend. Eine weitere in der darauffolgenden Woche. Die Nachricht, wieder auf die Trackingliste der Post zu schauen, stimmt mich optimistisch. Zwei Tage nach meiner Rückreise wird das Paket geliefert, welches mein Kollege Tage später bei der Post abholt. Die Odyssee meines Pakets findet nach gut drei Monaten ein glückliches Ende. Und ich weiss jetzt besser, wie die Spanier ticken.


Die Redewendung «das kommt mir spanisch vor» stammt von Kaiser Karl V. der in Personalunion und unter dem Namen Carlos I der erste König von Kastilien, León und Aragón war. Durch seine spanisch beeinflusste Erziehung führte er Sitten und Gewohnheiten in Deutschland ein, die dort nicht bekannt, ungewohnt und für viele unverständlich waren. Die Redewendung auf Spanisch heisst «das kommt mir chinesisch vor» (esto me suena a chino).

 

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